Willkommen zu einem besonderen Interview in EWA’S PLACE. Wir sprechen mit Philipp Hanf, der vor sieben Jahren die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erhielt. Diese unheilbare Krankheit verändert das Leben radikal, doch Philipp hat es geschafft, seine Lebensfreude und Positivität zu bewahren.
In seinem Buch „Wer stirbt denn nicht?“ teilt Philipp offen seine Erfahrungen und Gedanken über das Leben mit ALS. Seine Geschichte ist eine kraftvolle Erinnerung daran, jeden Moment zu schätzen und das Beste aus dem Leben zu machen.
Begleite uns, während wir mit Philipp über die ersten Momente nach seiner Diagnose, die täglichen Herausforderungen und seine Träume und Ziele sprechen. Lass dich von einem Mann begeistern, der trotz aller Widrigkeiten eine beeindruckende Lebensfreude ausstrahlt.
Während Philipp und seine Frau einen schönen Aufenthalt in Tirol verbringen, hat er sich die Zeit genommen, mit uns das Interview durchzuführen.
Ewa: Philipp, kannst du uns von dem Moment erzählen, als du die Diagnose ALS erhalten hast?
Philipp: Es ist schon erstaunlich, wie schlagartig sich ein Leben und seine Prioritäten ändern können. Ich war 47 Jahre alt. Bis dahin stand ich tatsächlich auf der Sonnenseite des Lebens: erfolgreicher Zahnarzt, passionierter Leistungssportler, optimistische Lebenseinstellung, neugierig und engagiert. Was sollte mir schon passieren? Zum Zeitpunkt der Diagnose fühlte ich mich auch noch komplett gesund, abgesehen von ein paar kleinen Zuckungen im rechten Daumen. Somit war es für mich unvorstellbar, dass ich mich bald nicht mehr bewegen können sollte – und meine durchschnittliche Lebenserwartung plötzlich mit zweieinhalb Jahren angegeben wurde. Es musste sich bei mir um einen Irrtum handeln, das kann nicht wahr sein!
Ewa: Wie hat sich dein Leben seit der Diagnose verändert?
Philipp: Es änderte sich zunächst alles im Leben, besonders in meinem Kopf, da ich mich mit völlig neuen und mir sehr fernen Themen beschäftigen musste. Was ist jetzt noch wichtig in meinem Leben? Worauf kommt es mir eigentlich wirklich an? Was kann ich noch unternehmen, um weiterzuleben?
Ewa: Welche Strategien halfen dir im Alltag?
Philipp: Mir wurde ziemlich schnell klar, dass es nichts bringt, in Wut, Trauer, Verzweiflung und Selbstmitleid zu verfallen. Dafür war und ist mir meine Zeit zu schade. Ich wollte mich nicht so sehr mit der vermeintlichen Krankheit beschäftigen, sondern vielmehr mit meinem Leben und allem, was ich noch kann. Ich legte meinen Fokus auf alle schönen Dinge, die es auch heute in meinem Leben noch gibt. Ich glaube, es ist eine bewusste Entscheidung, glücklich zu sein. Und das ist relativ unabhängig von dem, was in einem Leben passiert.
Ewa: Was war deine innere Motivation, das Buch „Wer stirbt denn nicht?“ zu schreiben?
Philipp: Nach der Diagnose, die mir meine Endlichkeit ziemlich unmissverständlich vor Augen führte, hatte ich begonnen, mir Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen, über die Themen Tod, Glück und Liebe. Auf den täglichen, stundenlangen Spaziergängen mit meinem geliebten Hund Brunello kamen mir viele Gedanken und Erkenntnisse. Irgendwann dachte ich, dass es doch schön wäre, wenn ich diese Gedanken irgendwie festhalten und später sogar vielleicht anderen Menschen zukommen lassen könnte. Als ich begann, mein Buch zu schreiben, war es in meinem Kopf eigentlich schon fertig. Ich musste es nur noch zu Papier bringen.
Ewa: Welche Botschaft möchtest du in deinem Buch vermitteln?
Philipp: Meine wichtigste Erkenntnis ist, dass ich trotz dieser schlimmen Diagnose immer noch glücklich bin. Das ist für die meisten Menschen ziemlich unverständlich. Ich versuche es in meinem Buch zu erklären. Mein Buch ist kein schlauer Ratgeber oder eine traurige Krankengeschichte, die anderen Menschen sagt, was sie zu tun oder zu lassen haben. Ich berichte von meinen vielen Aktivitäten, Abenteuern und Behandlungsversuchen – und der Suche nach dem Sinn und dem Glück des Daseins auf dieser Erde. Es beschreibt, teilweise auch sehr humorvoll, meinen persönlichen Weg und meine Erkenntnisse. Es ist vielmehr ein optimistisches Plädoyer für das Leben! Natürlich gibt es Menschen, die anmerken, dass ich ja alles Mögliche probiert habe und trotzdem die Erkrankung weiter vorangeschritten ist. Bin ich nun auf meiner Reise gescheitert? Ich glaube nicht. Keiner weiß, ob ich noch leben würde, wenn ich all diese Dinge nicht gemacht hätte und immer noch mache. Und zweitens – und für mich sogar wichtiger – ist die innere Entwicklung. Ich bin mit mir selbst im Frieden und würde mich unverändert als privilegierten und glücklichen Menschen bezeichnen. Vielleicht ist das übergeordnete Ziel im Leben ja gar nicht, möglichst alt zu werden, sondern möglichst glücklich? Ich glaube, dieser Aspekt wird häufig viel zu wenig berücksichtigt. Oft zählt nur die Lebenslänge als Index für ein gutes Leben.
Ewa: Hat dir das Schreiben geholfen, besser mit deiner Diagnose umzugehen?
Philipp: Auf jeden Fall! Wie gesagt: Ich hatte die Themen und Inhalte schon in meinem Kopf entwickelt. Aber das dann wirklich „zu Papier zu bringen“ und somit auch die genauen Formulierungen zu finden – diese ganzen notwendigen Schritte und Gedanken haben mir sehr geholfen, mit mir in Einklang und Frieden zu kommen. Das hört sich zwar ziemlich hochtrabend an und klingt vielleicht auch etwas abgedroschen – aber bei mir war es so!
Ewa: Haben sich deine Träume und Ziele nach der Diagnose verändert?
Philipp: Da ich nach meiner Diagnose begonnen habe, mein Leben viel bewusster und intensiver zu gestalten, hat sich einiges verändert. Ich schiebe nichts mehr auf. Ich versuche vielmehr, auf mein Herz zu hören. Ich bin mutiger darin, Dinge einfach zu probieren. Ich frage mich: Was möchte ich eigentlich wirklich? Wenn nicht jetzt, wann dann? Genau diese Dinge würde ich jedem Menschen raten, ob mit oder ohne Erkrankung.
Ewa: Was hat dich in den letzten sieben Jahren besonders glücklich gemacht?
Philipp: Alle Eigenschaften und Äußerlichkeiten, die ich vor der Diagnose für sehr wichtig gehalten habe und die mich irgendwie auch definiert haben, gehen langsam sukzessive verloren. Ich kann niemanden mehr wirklich durch meine Sportlichkeit, meinen beruflichen Erfolg, meine Talente wie Kochen, Tanzen, flüssiges Reden beeindrucken. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich vielleicht mehr Menschen emotional berühre, inspiriere und motiviere als je zuvor. Dieses Gefühl macht mich glücklich: dass meine Wertigkeit und Anerkennung nicht von diesen äußerlichen Dingen abhängt. Ich bin trotzdem noch liebenswert, auch wenn mein Körper nicht mehr so funktioniert wie früher.
Ewa: Was würdest du anderen Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation raten?
Philipp: Das finde ich sehr schwierig, da jeder Mensch seine eigene Geschichte hat und somit unterschiedlich damit umgehen muss und kann. Grundsätzlich würde ich empfehlen, den Mut und die Zuversicht nicht zu verlieren. Bei mir sind noch so viele schöne Dinge passiert. Und sie passieren immer noch! Damit hätte ich nie gerechnet. Mein Slogan ist: „Never Give up!“
Ewa: Welche Botschaft möchtest du der Welt hinterlassen?
Philipp: Alles passiert in deinem Kopf und somit hast du selbst einen großen Einfluss darauf, wie du mit bestimmten Themen oder auch Ereignissen umgehst. Das klingt für manche etwas beängstigend, birgt aber eine große Chance in sich. Du entscheidest letztendlich selbst, wie du eine Situation beurteilst. Das ist meines Erachtens auch der Grund dafür, warum Menschen glücklich sind, von denen man es gar nicht erwartet – und andersherum Menschen sehr unglücklich sind, obwohl sie eigentlich alles haben, was man für wichtig erachtet. Glücklich sein ist eine bewusste Entscheidung!
Ewa: Gibt es noch etwas, dass du unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtest?
Philipp: Versuche immer, auf dein Herz zu hören und authentisch zu sein. Bleibe neugierig, humorvoll, mutig – und überrasche dich selbst! Vor allem: sei nachsichtig und liebenswert zu dir selbst! Dann bist du es auch für andere Menschen.
Ewa: Danke für deine ehrlichen Worte, Philipp.
Sehr gerne, es hat mich gefreut!


