Leon Gurvitch über „Echoes of Chagall“ und seine musikalischen Visionen
Interview by EWA`S PLACE (Fotocredit: Shendl Copitman)
Herr Gurvitch, Ihr Konzert „Echoes of Chagall“ in der Elbphilharmonie war ein besonderes Ereignis. Wie haben Sie diesen Abend selbst erlebt?
Es war für mich ein sehr bewegender Abend. Die Elbphilharmonie ist ein ganz besonderer Ort – sie inspiriert allein durch ihre Architektur und Akustik. In diesem Raum „Echoes of Chagall“ zur Uraufführung zu bringen, war ein intensives Erlebnis. Ich habe gespürt, wie stark Musik, Raum und Publikum miteinander in Resonanz treten können.

Der Titel „Echoes of Chagall“ verweist auf den berühmten Maler Marc Chagall. Was verbindet Sie persönlich mit seiner Kunst?
Mich fasziniert bei Chagall vor allem seine Fähigkeit, Traum und Wirklichkeit zu verbinden. Seine Bilder erzählen Geschichten, die gleichzeitig poetisch und tief emotional sind. Diese Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe wollte ich auch in Musik übersetzen – als eine Art „Klangmalerei“.

Die Verbindung von Musik und Poesie spielt eine zentrale Rolle in diesem Werk. Wie ist der Entstehungsprozess verlaufen?
Die Vertonung der Gedichte von David Simanovich war für mich eine sehr inspirierende Arbeit. Die Texte haben bereits eine eigene musikalische Qualität, sodass ich beim Komponieren oft das Gefühl hatte, dass Musik und Worte sich gegenseitig tragen. Es ging mir darum, eine Sprache zu finden, in der beide Ebenen miteinander verschmelzen.
Mit Alexander Roslavets hatten Sie einen renommierten Bassisten an Ihrer Seite. Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert?
Alexander Roslavets ist ein außergewöhnlicher Künstler. Seine Stimme und seine interpretatorische Tiefe haben dem Werk eine ganz besondere Dimension verliehen. Die Zusammenarbeit war sehr intensiv und gleichzeitig sehr intuitiv – genau so, wie ich mir Musik wünsche: als lebendigen Dialog.


Neben der Uraufführung haben Sie auch Werke mit starkem historischem und emotionalem Bezug präsentiert, etwa zur Erinnerung an Janusz Korczak und Anne Frank. Was bedeutet Ihnen diese Verbindung von Musik und Erinnerung?
Für mich ist Musik auch ein Mittel des Erinnerns. Geschichten wie die von Janusz Korczak oder Anne Frank dürfen nicht vergessen werden. Musik kann eine emotionale Brücke bauen – sie erreicht Menschen oft direkter als Worte. Es ist mir wichtig, diesen Themen Raum zu geben und ihnen eine musikalische Stimme zu verleihen.


Der Abend wurde vom Publikum sehr positiv aufgenommen. Wie wichtig ist Ihnen die Reaktion des Publikums?
Sehr wichtig. Musik lebt im Moment – und dieser Moment entsteht gemeinsam mit dem Publikum. Wenn ich sehe und spüre, dass Menschen berührt sind, ist das für mich das größte Kompliment. Diese unmittelbare Verbindung ist etwas ganz Besonderes.
Neben Ihren Konzerten arbeiten Sie aktuell auch an weiteren Projekten, unter anderem an einem Ballett. Können Sie uns dazu etwas erzählen?
Ja, ich freue mich sehr über die Premiere meines neuen Balletts „Quid si sic“ in der Choreografie von Jonathan dos Santos, das am 27. März mit dem Ballett Schwerin erfolgreich aufgeführt wurde. Es gibt insgesamt 10 Vorstellungen im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Ich werde selbst die Mecklenburgische Staatskapelle dirigieren – das ist für mich immer ein sehr intensives Erlebnis, da ich die Musik in ihrer Gesamtheit erleben kann.


Und im Sommer folgt ein weiteres großes Projekt in der Elbphilharmonie…
Genau, am 06.Juni 2026 präsentieren wir die Uraufführung des neuen Balletts „5 Seasons“ im Großen Saal der Elbphilharmonie Hamburg zusammen mit dem Hamburger Kammerballett unter der Leitung von Edvin Revazov. Dieses Projekt liegt mir besonders am Herzen, weil es eine gemeinsame, kraftvolle Botschaft „Tanz für den Frieden“ vermittelt. Musik und Tanz können Menschen verbinden – über Grenzen hinweg.
https://www.elbphilharmonie.de/de/programm/hamburger-kammerballett-leon-gurvitch-ensemble/27750
Wenn Sie auf diesen vergangenen Konzertabend in der Elbphilharmonie zurückblicken: Welches Gefühl möchten Sie dem Publikum mitgeben?
Ich hoffe, dass die Menschen ein Stück innerer Bewegung mitnehmen – etwas, das nachklingt. Musik soll nicht nur im Moment wirken, sondern auch darüber hinaus. Wenn ein Konzert Erinnerungen oder Emotionen weckt, dann hat es seine Wirkung entfaltet.

Musiker: Leon Gurvitch (Komposition, Klavier), Alexander Roslavets (Bass), Streichquartett

